Donnerstag, 23.01.2020

Nagelstudios nur für Männer ...

... gibt es tatsächlich in Wien. Wusste gar nicht, dass es so was überhaupt gibt!
War heute in der Trafik, um Zigaretten zu holen, fragt mich die Verkäuferin, ob ich zehn Cent klein hätte. Ich greife in die Hosentasche, in der ich mein Kleingeld habe, verziehe dabei das Gesicht, weil ich bemerke, dass ich mir einen Fingernagel eingerissen habe und damit im Stoff hängen bleibe. Fragt mich die Verkäuferin, ob mir was weh tut. Sage ich, nein, nein, ich hab mir nur einen Fingernagel eingerissen. Sagt sie zu mir, dass ich in die Sterngasse fahren soll, dort gibt es ein tolles Nagelstudio nur für Männer, sie weiß das, weil ihr Sohn da immer hinfährt, und wenn mir das zu weit ist, gibt es im Donauzentrum sicher auch eines. Wenn die mir nicht nachgerufen hätte, ich hätte glatt meine Zigaretten liegen lassen, so schnell war ich aus der Trafik draußen, weil der Lachkrampf, der vom Zwerchfell in Richtung Kehle heraufdonnerte, wollte keine Sekunde länger warten, der wollte losbrüllen! Hab das dann daheim gleich gegoogelt und tatsächlich, Nagelstudios für Männer gibt’s in Wien wirklich. Hab mir auch die Bewertungen durchgelesen, die logischerweise von den männlichen Kunden stammen. Da kriegst du die Tür nicht zu! Ich bin gewohnt, dass Männer Bewertungen für Akkuschrauber oder Motorsägen mit einem knappen „Funkt gut“ oder, wenn’s lange Sätze sind, mit „Schnelle Lieferung, bin zufrieden“ schreiben, aber bei diesen Nagelstudios überschlagen sich die Rezensionen förmlich, da werden ganze Romane der Lobhuldigung geschrieben – Männer schreiben über Nagelpflege, wohlbemerkt der Fingernägel! Nagelstudios nur für Männer … Ihr männlichen Personen, ja, spinnt ihr jetzt schon komplett?! Das kann doch unmöglich euer Ernst sein. Es gab mal eine Zeit, und die ist noch gar nicht so lange her, da hätten sich Männer lieber die Finger einzeln abgehackt, bis sie verbluten, bevor sie zugelassen hätten, dass man sie lebend in einem Nagelstudio sieht. Die einzige Verschönerungsstätte, die wir akzeptiert haben, war der Herrenfriseur. Und den hat‘s auch nur gegeben, weil es weniger Friseure gab als Frauen, die unter Trockenhauben gesessen sind. Versteht ihr? Wir brauchten den Herrenfriseur wie einen Bissen Brot, sonst wären wir nie drangekommen und hätten irgendwann nicht mehr aus den Augen rausgesehen. So war das! Wir sind auch nicht zum BIPA oder in andere Drogerien gegangen. Da haben wir unsere Frauen hingeschickt, aber nicht weil wir zu faul oder weil wir sexistische Arschlöcher waren, sondern weil wir uns unter diesen Zehntausenden Produkten für nur eine einzige Sache wie z. B. Schuppen, niemals zurechtgefunden hätten und hundertprozentig mit dem falschen Mittel nach Hause gekommen wären und deswegen wahrscheinlich heute noch Schuppen hätten. Heutzutage sind die BIPAS voll mit männlichen Personen und die kennen sich noch dazu aus. Mit allem! Dort gibt’s Frauen, die fragen diese männlichen Personenkunden, wo die Intimrasierer sind und die wissen das auch noch, weil sie die selber verwenden. Das Einzige, was wir damals an unsere Intimzone gelassen haben, war ein Kondom, und das nicht gern! Nagelstudios für Männer … Kauft euch einen Nagelzwicker, von mir aus einen ganz teuren und nennt ihn vor euren Freunden Nail Controller, damit ihr auch en vogue genug seid, oder vielleicht gibt’s auch elektrische mit Joystick oder irgendwelche, die man mit Bluetooth ans iPod koppeln kann, ich weiß es nicht! Von mir aus kauft euch auch eine Nagelfeile, aber feilt daheim, weil einen Mann, der das öffentlich tut, kann man nicht ernst nehmen, außer er hat eine Eisenfeile und schleift scharfkantige Grate von Lüftungsrohren oder sonst was ab. Sehe euch männliche Personen schon bei Starbucks beim Caffe Latte sitzen und euch die Nägel feilen, während ihr euch gegenseitig eure neuesten Nagellacke zeigt und hinter vorgehaltener Hand die angesagtesten Nagelstudios zuflüstert. Ich sehe euch vor mir, wie ihr mit Engelsgeduld diese winzigkleinen Glitzersteinchen auf euren Nagellack aufbringt; das dauert nicht mehr lange, wenn ihr es nicht ohnehin schon tut. Danke für das Bild! Oida! Hört zu, wenn ihr so heikel auf eure Nägel seid, zieht euch Handschuhe an, aber nur im Winter, nicht dass da jetzt gleich wieder eine neue Sommermode dabei rauskommt, nackte Knöchel mit Ballerinasöckchen und hauchdünne, Vegan-Bio-Was-weiß-ich-was-Handschuhe, die bis zum Ellbogen reichen, oder so was Ähnliches. Habt endlich mal eigene Ideen, schaut euch nicht alles von den Frauen ab, denn weibliche Vorlieben zu übernehmen hat mit Gleichberechtigung nichts zu tun. Ich sag’s nur. So, jetzt gehe ich auf den Balkon fertiglachen und dann schneide ich mir den verdammten eingerissenen Nagel ab.



Montag, 13.01.2020

Heute auf Radio Wien die Modetrends 2020 für Männer gehört ...

... Die Hosen (Freizeit) bleiben eng und kürzer, sprich, die Knöchel dürfen/sollen/müssen noch immer gezeigt werden. Damit dem auch nichts im Wege steht bzw. die Füßchen keine Blasen bekommen, werden von Männern weiterhin Ballerinasöckchen getragen und auch Herren-Fußkettchen, die ihre fesselnden Fesseln erst so richtig zur Geltung bringen, bleiben in der heurigen Mode unverzichtbar. Weiterhin werden Knöcheltattoos als Aufkleber empfohlen, die piksen nicht so entsetzlich. Sehr männlich, das Ganze … aber mittlerweile sagt man eh nicht mehr Männer, sondern Männliche Personen. Zusätzliche Trendvorschau 2020: Jacken werden dieses Jahr länger als sie noch voriges Jahr waren. Das ist sehr zu begrüßen, ich empfehle Jacken, deren Längen bis über die nackten Knöchel reichen, damit sich diese männlichen Personen nicht erkälten. 



Samstag, 21.12.2019

Hab dem Christkind einen Brief geschrieben, ...

... in dem ich nur einen einzigen Wunsch deponiert habe: Bitte, liebes Christkind, ich wünsche mir den wahren Sozialismus zurück. – Kaum dass ich den Brief in den Postkasten gesteckt hatte, hielt ich auch schon einen Brief mit der Antwort des Christkindes in den Händen, in dem zu lesen stand: Das ist ein Wunsch, den ihr euch ganz leicht selbst erfüllen könnt, dazu braucht man kein Christkind. Sorgt dafür, dass eure Partei wieder von echten Sozialisten geführt wird, dann kommt der wahre Sozialismus von ganz alleine zurück. – Hab den Brief dann gut versteckt. Nicht auszudenken, wenn der in falsche Hände geraten würde …



Sonntag, 15.12.2019

Gestern im Theater am Alsergrund gewesen …

  ... Alexander Sedivys Blutbildshow mit Gastauftritten von Regina Adler, Andre Blau und Heinz Hofbauer – großartig! In der Pause kaufe ich mir ein Bier und gehe vor das Theater, um eine Zigarette zu rauchen. Nach kaum zwei Zügen kommen eine Frau und ein Mann mittleren Alters ebenfalls heraus. Die beiden stellen sich neben mich. Er möchte mich gerade ansprechen, wahrscheinlich Small Talk: „Wie gefällt Ihnen die Show …“, solche Sachen eben. Sie sieht meine Zigarette, hüstelt demonstrativ, rümpft die Nase, sagt: „Also ich geh‘ da jetzt wieder rein“, sieht ihn an „Kommst du?“, und geht. Er sieht mich an, sieht mein spöttisches Grinsen, verzieht den Mund, verdreht die Augen, zuckt mit den Schultern, schlägt die Arme, Hilflosigkeit demonstrierend, gegen seine Beine und folgt ihr nach. Ich stecke meine halb gerauchte Zigarette in den Aschenbecher, der hier offensichtlich selten geleert wird, und freue mich auf den zweiten Teil der Show.

 


Freitag, 29.11.2019

Zur Lage der Frustration oder Austschickt im Fünfn Hieb 

Gestern am frühen Abend in drei Beisln und zwei Wirtshäusern im 5. Bezirk gewesen. Einfach so, Lokalaugenschein. Keine In-Lokale, nichts Cooles, nichts Hippes, nur ganz normale Beisln und Wirtshäuser für die Leute der Umgebung. Mitten in Margareten, nicht die Peripherie, nicht jenseits der Reinprechtsdorferstraße dem Margaretengürtel zu – eine Gegend, die wir Margaretner „Die Westbank“ nennen und auf die sogar die Bobos dankend verzichten. Mitten in Margareten überall dasselbe Bild. Die Lokale weitgehend leer oder zumindest nur spärlich besucht – drinnen im Schank-raum. Draußen vor der Türe vereinzelt Frierende. In einer Hand die Zigarette, die andere Hand in der Hosentasche, Kopf eingezogen, leicht hüpfend. Kaum betritt einer der draußen Rauchenden wieder das Lokal, stehen die nächsten auf und gehen hinaus – Schichtwechsel. „Gemma ane rauchn!“ Einer, der nicht raucht oder dem zu kalt zum Rausgehen ist, meckert: „Na geh, ned scho wieda! Wia wüüst di do untahoitn, waunn ēs dauand außerennts?“ Nach der dritten Wiederholung des Vorganges zahlt er und geht. Statt eines Grußes murmelt er irgendetwas wie „Deppate Oaschlächa“. Ich beobachte zwei vermeintlich neue Gäste durch die Auslagenscheibe. Sie bleiben draußen stehen und rauchen noch schnell eine, bevor sie hereinkommen. „Servas. Gib uns schnöö zwaa Ochtln, mia san glei wieda weg.“ Kellnerin: „Wos is mit eich, hobts as äulich?“ Gast: Naa, oba draußn steh, känn ma aum Punschstandl aa!“

19:00 Uhr: Hochbetrieb … normal. Hier nicht. Hier nicht mehr. Die Kellnerin erzählt, dass Stammgäste ausbleiben oder nur mehr kurz hereinschauen. Eigentlich könnte sie um 21:00 Uhr zusperren, sagt sie, kommt eh niemand mehr. Und dann fragt sie mich, ob ich mit ihr mit hinausgehe eine rauchen, damit ich hier nicht alleine stehen bleiben muss. „Moch ma“, sage ich und gehe mit ihr hinaus, rauche mir eine Zigarette an und gebe ihr Feuer.

„Gemma ane rauchn!“ – ein Satz, den ich seit dem 1. November immer wieder und wieder und öfter und öfter höre. Ein Satz, der bezeichnend für einen Teil unserer Gesellschaft geworden ist. Einem Teil der Gesellschaft, der bewusst ausgegrenzt wird, der Verachtung der Andersdenkenden und dem Denunziantentum ausgesetzt – moderne Hexenjagd, von ganz oben befohlen.